Die Osterinsel (spanisch Isla de Pascua, rapanui Rapa Nui) ist eine isoliert gelegene Insel im Südostpazifik. Die zu Chile gehörende Insel liegt unterhalb des Südlichen Wendekreises bei 27 Grad südlicher Breite und 109 Grad westlicher Länge, 3.700 km von der chilenischen Küste und 4.000 km von Tahiti entfernt. Das nächstgelegene bewohnte Eiland ist Pitcairn im Westen, in einer Entfernung von mehr als 2.000 Kilometern. 2002 lebten auf der Osterinsel 3.791 Menschen.
Moais am
Ahu Tongariki
Die weltbekannten, in jedem Reisebuch abgebildeten kolossalen Steinstatuen der Osterinsel werden Moais (Einzahl Moai) genannt. Pater Sebastian Englert nummerierte und katalogisierte 638 Statuen, vermutlich waren es jedoch ursprünglich über 1000.
Trotz umfangreicher Forschungen ist ihr eigentlicher Zweck und die genaue Zeit ihrer Errichtung immer noch umstritten. Man geht heute davon aus, dass sie berühmte Häuptlinge oder allseits verehrte Ahnen darstellen, die als Bindeglied zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt fungierten. Aus der Tatsache, dass in einigen Ahus Grabkammern gefunden wurden, ist auf einen mit den Anlagen verbundenen Totenkult zu schließen.
Produktionsstätte der Moais war überwiegend der Krater Rano Raraku. Mit Obsidian-Werkzeugen, die man noch heute dort finden kann, wurden sie aus dem weichen, mit Lapilli durchsetzten Vulkan-Tuff gemeißelt. Thor Heyerdahl hat experimentell bewiesen, dass dies mit den archaischen Werkzeugen in relativ kurzer Zeit zu bewältigen war.
Das Aussehen der Moais ist auf den ersten Blick gleichförmig. Der übergroße Kopf, ein Drittel der gesamten Figur, ist fein ausgestaltet. Unter tief liegenden Augenhöhlen beherrscht eine große, sorgfältig ausgebildete Nase das Gesicht. Ein breites, vorgeschobenes Kinn ergänzt den verschlossenen Gesamteindruck. Interessant sind die Ohren mit ihren lang gezogenen Ohrläppchen. Vereinzelt ist auch der Ohrpflock abgebildet. Die Figuren enden unmittelbar unter dem Bauchnabel, der Unterkörper ist nicht ausgeformt. Bei genauem Hinsehen erkennt man die wechselnde Haltung der fein ausgearbeiteten Hände. Die Figuren unterscheiden sich auch durch den individuell geformten Lendenschurz-Knoten am unteren Rücken. Diese Feinheiten sind jedoch nicht bei allen Figuren erhalten geblieben.
Ursprünglich war den graubraunen Statuen ein Pukao aus roter Gesteinsschlacke aufgesetzt. Die Bedeutung des zylinderförmigen Kopfaufsatzes ist nicht bekannt. Er könnte eine Kopfbedeckung oder einen Haarknoten darstellen.
In jüngerer Zeit hat man aus weißem Korallenkalk geformte Augen mit einer Iris aus schwarzem Obsidian aufgefunden, die in die Augenhöhlen eingesetzt waren. Ein Beispiel einer solcherart vervollständigten Figur ist Ko te Riku am Ahu Tahai gegenüber dem Hafen.
Hafen
von Hangaroa mit Moai Ko te Riko
Die Steinplastiken waren auf einer Plattform, Ahu genannt, mit Blick auf die davor liegende Ansiedlung aufgestellt. Beispiele solcher Zeremonialplattformen sind im gesamten polynesischen Raum (Cookinseln, Tahiti, Bora Bora, Marquesasinseln) verbreitet, was die These der Besiedlung der Osterinsel von Westen her stützt.
Der Ahu ist eine flache, abgestufte Plattform, die in megalithischer Steinsetzung so sorgfältig ausgearbeitet ist, dass bei Anlagen der Spätperiode keine Messerklinge zwischen die Steine passt. Das veranlasste Thor Heyerdahl zu einem Vergleich mit den Inka-Mauern in Peru. In der Regel liegt vor dem Ahu ein geebneter Zeremonialplatz und eine mit faustgroßen Kieselsteinen gepflasterte, aufsteigende Rampe. Die riesigen Figuren wurden auf der Plattform mit dem Rücken zum Meer aufgerichtet und mit kleinen Steinen sorgfältig verkeilt. Mörtel war auf der Osterinsel unbekannt.
Das schönste Beispiel für die Kunstfertigkeit der Steinsetzer ist der Ahu O Tahiri in Vinapu.
Es ist zu vermuten, dass die Figuren im Laufe der Zeit immer größer wurden. Am Rano Raraku ist ein 21 Meter messender, allerdings unfertig gebliebener Moai erhalten. Die größte, wieder aufgerichtete Figur am Ahu Te Pito Kura ist 10 Meter hoch.
Der oft kilometerweite Transport und das Aufrichten der fertigen Statuen erfolgte ebenfalls mit archaischen Mitteln unter Einsatz von Rolle oder Schlitten, Seilzug, schräger Rampe und Hebel. Thor Heyerdahl hat auch dies demonstriert.
Es gibt Hinweise, dass sich die Steinmetzkunst bereits in der ersten Besiedlungsphase entwickelte. Die Synthese der ursprünglichen mit der Kultur der zweiten Besiedlungswelle dürfte zur wesentlichen Vervollkommnung der Techniken ab etwa 1400 n. Chr. beigetragen haben, sodass anzunehmen ist, dass die heutigen Kolossalfiguren ab diesem Zeitpunkt entstanden sind (umstritten!).
Roggeveen beschreibt 1722 noch intakte und genutzte Zeremonialplattformen, bei der Cook-Expedition 1774 waren alle Moais bereits umgestürzt. Über die Geschehnisse in der Zwischenzeit gibt es die wildesten Spekulationen, die von Bürgerkrieg über Kannibalismus bis zur ökologischen Katastrophe als Folge der Errichtung der Moais reichen. Definitive Beweise für die ein oder andere Theorie kann bisher niemand vorlegen.
Moais am Rano-Raraku
Eine mögliche Deutung der Ereignisse, die auch der Film von Kevin Costner aufgreift, basiert darauf, dass die Standbilder die Bewohner der Insel schützen sollten. Es wird vermutet, dass beim Errichten der Moais ein Wettstreit zwischen den einzelnen Stämmen entstand und die Statuen daher an Größe zunahmen. Der Transport und die Aufstellung verbrauchten immer mehr Holz bis es schließlich keinen Baum mehr auf der Insel gab. Eine Naturkatastrophe, die die Veränderung der Vegetation mit ursprünglich dichtem Baumbewuchs erklären könnte, ist nicht nachweisbar.
Die heute intakten Ahus sind ab den fünfziger Jahren wieder aufgerichtet worden. Auf der Insel sind aber noch viele Plattformen mit umgestürzten Figuren zu sehen.
Als Moai bezeichnet man auch kleine geschnitzte Figuren, vorwiegend aus Toromiro-Holz. Die verbreitetste Form Moai Kavakava zeigt einen ausgehungert wirkenden Mann mit deutlich hervorstehenden Rippen, einem überdimensionierten Kopf, langen Ohrläppchen, einer ausgeprägten Nase und einem Spitzbart. Der Zweck der Figuren ist unbekannt. Sie werden heute als Ahnenbildnisse mit der Funktion eines Schutzgeistes gedeutet.
Die Osterinselkultur hat als einzige im Pazifik eine eigene Schrift entwickelt. Es
ist eine mit Lautzeichen durchsetzte Bilderschrift.
Geschrieben wird in Zeilen, jede Zeile steht gegenüber der
vorhergehenden auf dem Kopf. Die Schriftzeichen zeigen Menschen,
Tiere, Körperteile und Geräte des täglichen Gebrauches.
Dennoch ist es keine Bilderschrift in reiner Form, in der die
Zeichen unmittelbar realen Objekten gegenüber stehen. Thomas
Barthel, der wohl profundeste Kenner der Osterinsel-Schrift,
hält sie lediglich für eine Gedächtnisstütze, d.h. es sind
Kernbegriffe abgebildet, um die herum Wörter und Sätze aus dem
Gedächtnis zu ergänzen sind.
Die Entzifferung der Osterinsel-Schrift galt lange als ungelöstes Problem, insbesondere, da die Schriftkultur sich völlig isoliert entwickelte. Erst der systematische Vergleich mit Kalenderwissen und die Einbeziehung mündlicher Überlieferungen brachte erste Ansätze zur inhaltlichen Deutung. Eine der Tafeln, genannt Tablet Mamari (heute in Rom), wurde inzwischen eindeutig als Mondkalender identifiziert. Der Versuch, die Schrift Wort für Wort zu lesen, dürfte jedoch ein aussichtsloses Unterfangen sein.
Weltweit sind lediglich 25 Schriftzeugnisse auf Holztafeln, den Rongorongo-Tafeln, aber auch auf anderen Kultgegenständen (Rei-Miro, Zeremonialpaddel, Zeremonialstab) bekannt. Die erhaltenen Rongorongo-Tafeln, drei davon zeigen exakt den gleichen Text, sind aus Toromiro-Holz geschnitzt. Die etwa einen Zentimeter hohen Schriftzeichen wurden vermutlich mit Obsidiansplittern oder Haifischzähnen eingraviert. Die Schrifttafeln sind heute über die Museen der ganzen Welt verstreut.
Rei Miro ist ein nur in der Kultur der Osterinsel bekanntes hölzernes Pektoral, vorwiegend aus Toromiro-Holz geschnitzt. Es hat eine mondsichelartige Form, die aber auch als Bootskörper gedeutet werden kann. Die beiden Enden sind häufig als menschliche oder tierische Köpfe mit feinen Gesichtszügen ausgebildet. An den oberen Enden befinden sich Löcher für eine Umhängeschnur. Einige Pektorale sind mit Schriftzeichen versehen. Rei Miro von der Osterinsel finden sich in den verschiedensten Museen der Welt. Ihre Bedeutung (Kultgegenstand, Schmuck oder Rangabzeichen) ist unbekannt.
Der
Krater des Rano Kao
Am Hang des Rano Kao, gefährlich nah an einer 300 Meter abfallenden Klippe, befinden sich die bekannten Orongo-Petroglyphen. Das Hauptmotiv ist das des Vogelmannes, ein Mischwesen aus Mensch und Fregattvogel. Der Kult um den Vogelmann erlangte ab etwa 1500 n.Chr. zunehmende Bedeutung. Nach Meinung einiger Wissenschaftler hängt dies mit der Machtübernahme durch eine Kriegerkaste als Folge der ökologischen Zerstörung zusammen.
In jedem Frühjahr schwammen junge Männer von Orongo aus zum vorgelagerten Motu Iti, um das erste Ei der Schwarzen Seeschwalbe zu finden. Wer als erster ein unbeschädigtes Ei zurückbrachte, wurde zum Vogelmann erklärt, stand rituellen Opfern vor und erfreute sich besonderer Privilegien. Die mutmaßlichen Ereignisse um den Vogelmannkult stellt Kevin Costner in seinem Spielfilm anschaulich dar.
Vogelmannfiguren sind in der gesamten Südsee (Samoa, Cookinseln) verbreitet.
Ein weiteres Motiv der Felsritzungen bei Orongo ist Make Make, ein maskenhaftes Gesicht mit großen, eulenartigen Augen, das den Schöpfergott darstellt. Es sind auch die Tierdarstellungen zu finden (Vögel, Wale, Haie, Schildkröten) sowie grafische Motive.
Zur Kultstätte Orongo gehören sorgfältig errichtete steinerne Hütten, mit einem Dach aus Grassoden (Grassodenhaus), die nicht ständig bewohnt, sondern nur zu kultischen Zwecken genutzt wurden.
Der vulkanische Ursprung der Insel hat zur Folge, dass sich im Gestein zahlreiche Höhlen und Klüfte gebildet haben. Die Höhlen wurden als Kultstätten genutzt, wie zahlreiche Felsmalereien beweisen. Die Motive haben ihren Ursprung überwiegend im Vogelmannkult. Thor Heyerdahl fand in den Höhlen noch steinerne Kleinplastiken mit den unterschiedlichsten Motiven: Vogelmanndarstellungen, Moais, Kopfplastiken bis hin zu Darstellungen von Segelschiffen.
Die Klüfte dienten weit profaneren Zwecken. Die ständig wehenden Winde erschweren den Anbau von Nahrungspflanzen. Bodensenken wurden daher mit fruchtbarem Boden angereichert und als ertragreiche Tiefbeete, unterhalb der Bodenniveaus, genutzt. Ein schönes Beispiel dafür findet sich in der Nähe der Anlage Vinapu.